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Wahlgeografie

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Eine geografische Wahlanalyse erkennt unterbewusste Motivationen für eine Wahlentscheidung. 

Sie deckt regionale Disparitäten auf, die die rein statistische Analyse nicht erkennen kann,

und zeigt auf, dass Wähler in einer Region anders auf dieselbe Ansprache reagieren als in einer anderen Region. 

Sie zeigt durch Visualisierung und Korrelationsanalysen strukturelle Voraussetzungen auf,

während die Nachwahlbefragung nur die dem Wähler bewussten Motive aufklären kann. 

Für politische Parteien sind diese Erkenntnisse unerlässlich. 

Eine geografische Wahlanalyse vergleicht regional differenzierte Wahlergebnisse mit regional differenzierten sozio-demografischen Merkmalen. Sie erkennt auf diese Weise die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Schwerpunkte der Wählerschaft einer Partei. 

Neben der Wahlgeografie ist die Nachwahlbefragung die klassische Methode, um die Motivation für eine Wahlentscheidung zu ergründen. Beides hat Vorteile und Nachteile: 

  • Eine Befragung kann sehr selektiv sein und zielt schließlich vor allem auf das Bewusstsein der Befragten ab und kann daher die häufig aus emotionalen Beweggründen getroffene Wahlentscheidung nicht erklären. 

  • Eine geografische Wahlanalyse hingegen wird räumlich und zeitlich differenziert durchgeführt und arbeitet sowohl kartografisch als auch statistisch. Durch die Verknüpfung unterschiedlicher Faktoren sind die Ergebnisse der Analyse deutlich tiefgründiger und umfassender. Sie arbeitet diejenigen Entscheidungsprozesse heraus, derer sich die meisten Wähler nicht bewusst sind -- und ergründet das tradierte Wahlverhalten anhand gegebener räumlicher Faktoren, die kultureller, naturräumlicher oder wirtschaftlicher Natur sein können. 

Je nach geografischem Maßstab (bspw. Ebene der Stadtteile oder Landesebene) bietet es sich an sozio-demografische Merkmale wie Haushaltseinkommen, Siedlungsstruktur oder den Anteil unterschiedlicher sozialer Gruppen bzw. tradierte kulturräumliche Strukturen zu untersuchen. 

In vielen Wahlergebnissen bestehen tradierte Mentalitäten, Sprachgrenzen und frühere Staatsgrenzen eine Rolle, die für Außenstehende nicht mehr wahrnehmbar sind. Diese Phantomgrenzen sind so sehr im Unterbewusstsein der Menschen verwurzelt, dass sie die Wahlentscheidung mehrerer nachfolgender Generationen herbeiführen. 

Trivia

  • In Schleswig-Holstein entscheidet noch immer der Bodentyp (Marschland oder Hügelland) darüber ob jemand SPD oder CDU wählt: In sumpfigen Gebieten leben eher freie Viehzüchter (--> CDU), in hügeligem Ackerland mehr angestellte Erntehelfer (--> SPD). Diese traditionelle Wirtschaftsweise spielt heute keine Rolle mehr, die Mentalität und die Verankerung einer jeweiligen Partei bestehen aber bis heute. 

  • In Deutschland orientieren sich die Ergebnisse von SPD und CDU/CSU nach wie vor im Wesentlichen an der konfessionellen Teilung des Landes: Die CDU hat in den frühen Jahren der Bundesrepublik die Wähler der katholischen Zentrumspartei fast vollständig übernommen, während sich die SPD nüchterner und weniger transzendent präsentiert hat. 

  • Die AfD-Ergebnisse in Süddeutschland werden durch die vier großen Metropolen (Frankfurt, Stuttgart, Nürnberg, München) determiniert, während in Westdeutschland die Konfession über die AfD-Ergebnisse entscheidet.

  • In den Wahlergebnissen in Polen erkennt man noch die deutsch-russische Grenze bis 1918, weil auf der westlichen Seite die Infrastruktur aus der deutschen Kaiserzeit nach wie vor erhalten ist. 

  • In Tschechien besteht ein starker Bruch in der Wahlbeteiligung zwischen den traditionell tschechisch besiedelten Gebieten und den nach 1946 neubesiedelten Gebieten. 

  • Der Bijbelgordel (Bible Belt) in den Niederlanden ist vor allem anhand der Wahlergebnisse der Partei SGP zu erkennen. 

  • In Rumänien besteht die frühere Grenze zu Österreich-Ungarn in den Wahlergebnissen noch fort; eine sog. Phantomgrenze. 

  • Das strukturelle Wahlverhalten in der Türkei hat dazu geführt, dass neue Begriffe für die Anhänger politischen Mentalitäten und Lebensstile entstanden sind: "Weiße Türken" (Beyaz Türkler), die westlich orientiert sind und vorwiegend an den Küsten und in den großen Städten Leben, und "Schwarze Türken" (Kara Türkler), die eher konservativ sind und vorwiegend im ländlichen Zentral-Anatolien leben. 

  • In Deutschland müssen die Wahlkreise so zugeschnitten werden, dass bestehende Verwaltungsstrukturen und Kulturräume nicht zerschnitten werden. Gerrymandering ist das Zuschneiden von Wahlkreisen zugunsten einer politischen Partei​. 

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